Irritation der Psyche und kreative Langeweile

20160427_183855Ich trau mich es ja kaum zu schreiben. Während zu Hause meine Freunde über Schnee und Kälte fluchen und mich alle beneiden, nicht nur wegen der Wärme, sondern natürlich auch weil ich Urlaub habe, schleichen sich bei mir Momente von – nun ja – so was wie Langeweile ein. Denn die ersten zwei Wochen hier habe ich mir ja „verboten“ zu arbeiten.

Zumindest gab es Momente, wo ich mir wirklich auf die Finger klopfen musste, um nicht doch schon am nächsten Buch weiter zu arbeiten oder an meinen Webseiten oder… Es gäbe ja durchaus genug zu tun.

Eine Freundin schrieb mir dazu in einer Mail, das sei wohl  auch eine Irritation der Psyche, nachdem ich vorher wochenlang wie verrückt gearbeitet und gerödelt und nach Urlaub gelechzt habe. Und nun ist Ruhe- und das löst Irritation aus.

Daher gebe ich mich auch diesem Zustand hin.

Und lerne immer mehr, ohne Pläne zu leben, zu sehen, was sich spontan entwickelt, wozu ich gerade wirklich Lust  habe und einmal aus all den inneren Programmen auszusteigen. Weil ich weiß, dass genau das die wirkliche Erholung ausmacht.

Mein 1. ZentangleWill ich nun wirklich am Strand liegen oder bleibe ich lieber im schönen Garten in der Hängematte oder auf dem Köşk, will ich ne Runde laufen oder lesen, Steine bemalen oder Freunde treffen? Ich habe sogar ein E-Book über Zentangles auf mein Kindle geladen und die ersten Versuche gestartet.

Denn auch hier in Çıralı‬ gibst ein soziales Leben. Eine Freundin lebt hier seit Jahren, durch sie lerne ich weitere deutsche und andere europäische Frauen kennen, die hier länger leben. So gab es gestern Abend sogar eine Krimi-Lesung mit Katja Schäfer im Café Mocca. “ Mord in Antalya“ – es verspricht ein höchst unterhaltsames und auch sehr informatives Buch zu werden. Es ist nämlich leider noch gar nicht fertig, sonst hätte ich es sofort gekauft.Katja Schäfer

Ab und zu male ich auch wieder Steine, einer ist nun sogar an meinem morgendlichen Yoga-Platz schon zwei Tage liegen geblieben. Die anderen sind weitergewandert.

Neben meinen Urlaubs-Krimis lese ich auch kontinuierlich in dem Buch von Heide Liebmann weiter: „Die Magie der unternehmerischen Persönlichkeit“, das ich rezensieren will. Da sie dort aber so viele praktische Übungen drin hat, geht das sehr schleppend. Denn die meisten Übungen probiere ich natürlich sofort aus. Denn wenn ich ein Buch rezensiere, arbeite ich es richtig durch und überfliege es nicht nur.

Nun, und am Sonntag kommt meine Einzelcoaching-Klientin, mit der ich dann eine Woche arbeite. Darauf freue ich mich schon sehr, denn bisher waren diese Arbeiten hier immer sehr erfüllend.

Mandala2

Die Magie von Çıralı

Stein Mandala am Strand von ÇıralıIch habe schon oft geschrieben, dass Çıralı für mich ein magischer Ort ist, weil ich hier schon sehr ungewöhnliche  Begegnungen und Erlebnisse hatte in den letzten Jahren.

Doch jetzt wurde mir bewusst, dass sich die Magie nicht nur auf solche besonderen Dinge bezieht, sondern sich auch im Alltag in vielen kleinen Erlebnissen zeigt.

Dazu möchte ich den heutigen Tag schildern. Ich bin ja heute erst den dritten Tag hier, wahrscheinlich bin ich daher auch noch bewusster für diese Besonderheiten. Im Laufe der Wochen fällt es mir vielleicht gar nicht mehr so auf.

Schlagartiges Umswitchen auf Entspannung

In den letzten Wochen zu Hause war ich extrem unter Stress, wie schon seit Jahren nicht mehr. Ich hatte sehr viel zu tun (was ja schön war), es spielten sich aber auch wieder Gewohnheiten ein, die ich gar nicht schätze. Selbst mein morgendliches Yoga schaffte ich nicht immer, oft fiel das Mittagessen und erst recht meine kleine Mittagssiesta aus, ich bekam wieder Schlafstörungen und häufig Kopfschmerzen. Ich versuchte noch gegenzusteuern, indem ich die letzten drei Sonntage konsequent freinahm und wandern ging. Aber das reichte nicht wirklich, um mich wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Ich fühlte mich umzingelt von vielen Projekten und Aufgaben und wie es in solchen Zeiten ist, funkten noch ständig nervige Sachen dazwischen, die es nicht leichter machten. Mein Dauerkampf mit der Telekom, wegen ständigem Abbruch meiner Internetverbindung (wenn man Online-Seminare gibt, ist das nicht wirklich prickelnd), drei Mal tagelang keine E-Mails und kein Zugang zu meiner Online-Akademie, weil ich dringend ein update für mein Typo3 brauchte etc..

Dann die Anreise hierhin, mitten in der Nacht, was eine komplett schlaflose Nacht bedeutete.

Und hier schlagartig das Wunder: die ersten beiden Nächte schlief ich 8-9 Stunden. Das alleine ist schon ein Geschenk.

Heute morgen also wieder „zu spät“ aufgewacht und erst nach 8 Uhr zum Yoga am Strand. Dann ist es mir schon fast zu warm. Wie auch gestern, am ersten Morgen, war außer mir keine Menschenseele am Strand. Es war wunderbar still, sogar Autos fuhren kaum über die Straße in der Nähe. Einfach unfassbar.

Mein 1. FrühstückDanach ein köstliches Frühstück und zum ersten Mal ging ich dann an den Strand. Herzliche Begrüßung in der Dione-Bar, wo ich seit Jahren am Strand liege bzw. sitze. Ich begann mit einem Buch, für das ich eine Rezension schreiben wollte, eigentlich mit der Vermutung, dass ich selbst nicht mehr so viel daraus lernen kann, weil ich ja schon so lange Trainerin und Coach bin. Doch relativ bald erlebte ich bei einer Übung, dass mir eine sehr wichtige Erkenntnis kam. Prima.

Kontakte, Kontakte, Kontakte

Relativ spät kam ich auf die Idee, einer Freundin, die hier lebt, eine SMS zu schicken, dass ich vor Dione sitze. Und 5 Minuten später war sie da. Wir hatten uns viel zu erzählen und verabredeten uns für den nächsten Abend zum Abendessen.

Als ich mich dann gegen 14 Uhr auf den Heimweg machen wollte, kam ich nur ein Lokal weiter. Da hatte ich Halil schon am Vortag vertröstet, dass ich später einen Tee mit ihm trinke. Jetzt also.

Er spricht sehr gut Deutsch und so erfuhr ich noch einige Döneken über Menschen und Ereignisse im Dorf, warum er nun in dieses Lokal gewechselt war, nachdem er Jahre lang wo anders gekellnert hatte.

Schließlich im Hotel machte ich mir einen kleinen Salat und legte mich aufs Ohr. Und wieder schlief ich ein wenig- wunderbar.

Danach wollte ich mich in die Hängematte legen und das  Buch weiterlesen, zu dem ich eine Rezension schreiben wollte. Dazu überfliege ich nicht nur das Buch, sondern arbeite es in der Regel richtig durch. In der Hängematte war es doch zu unbequem, mir Notizen zu machen. Also beschloss ich spontan, an den Strand zu gehen. Diesmal vor das Restaurant vom Cirali-Hotel. Den Besitzer kenne ich auch gut, kann daher unbeschwert da liegen… Ich begann also das Buch und entdeckte schnell, dass es entgegen meinen Erwartungen doch auch für mich als alte Trainerin und Coach noch interessant ist. Denn bei der zweiten Übung hatte ich gleich eine interessante Erkenntnis, die mich beflügelte.

Ich quatschte dann zwei junge Männer an, die aus dem Wasser kamen, ob das Wasser nicht sehr kalt sei? Ich war nämlich seit meiner Ankunft noch nicht im Meer, weiß ich doch, dass es im Frühjahr ziemlich kalt ist.

Wir kamen ins Gespräch, und was soll ich sagen: sie kamen aus Köln! Sie waren mir ja schon vorher sympathisch, aber nun war ich begeistert. Aus meiner Heimatstadt. Sie machten Urlaub in einer Bettenburg an einem anderen Ort, fanden es dort schrecklich und hatten sich ein Auto gemietet, um einen schönen Strand zu suchen. Und landeten im schönsten Ort. Nun wollen sie jeden Tag wieder kommen und ihren nächsten Urlaub gleich hier buchen.

Unternehmens-Vision mit allen Sinnen erleben

Beschwingt las ich weiter, bis es mir zu kalt wurde. Zurück ins Hotel kam mir in den Sinn: Ich habe mich heute noch gar nicht bewegt. Mache ich doch mal eine ganz kleine Runde und schaue an der Pension vorbei, wo ich die ersten Jahre gewohnt habe.

Als ich in die Straße einbog, blieb ich erst mal an der Villa Lukka stehen. Das ist eines der Luxux-Angebote hier im Ort, aber wirklich schön. Der Garten ist zauberhaft und auch die Bungalows sind ausgesprochen geschmackvoll und sehr schön. Doch für mich (noch) nicht bezahlbar.

Garten von Villa LukkaIch bewunderte den Garten und sah dann erst, dass die Besitzerin ganz in der Nähe einen Blumentopf anstrich. Merhaba, nasilsin? Ich könne ruhig reinkommen und den Garten anschauen. Ja, Fotos dürfte ich auch machen. Ihr Mitarbeiter fragte dann, ob er mal ein Foto von mir machen sollte. Auja, bis jetzt habe ich noch keins von mir.

Schließlich wurde ich noch zum Kaffee eingeladen und setzte mich an ein Tischchen auf der Wiese. Zeyneb musste weiter und so saß ich da und träumte. Es passte auch zu meiner Lektüre, wo es um meine Vision als Unternehmerin ging. Wie ich den Erfolg erlebe.

Ha, hier konnte ich gleich schon „reich und berühmt“ spielen. So erfolgreich zu sein, dass ich mir so eine Luxushütte leisten kann.

Niedrige Preise sind nicht immer ein Magnet

Aber mir kam noch eine entscheidende Erkenntnis (nicht neu, aber immer wieder vergessen, weil sie nicht in das normale Denkschema passt):
Mitte April sind hier noch kaum Touristen, in der aktuellen politischen Situation noch weniger. Aber hier, im teuersten Hotel, sind vergleichseise viele Gäste.

Überhaupt war mir immer schon aufgefallen, dass hier zu jeder Zeit viele Autos vor der Anlage stehen. Hohe Preise schrecken also offensichtlich nicht ab. Im Gegenteil, sie haben besseren Zulauf als viele Billigangebote.

Das lässt sich sicher auch auf unseren Job übertragen. Neulich erzählte mir eine Kollegin eine verblüffende Geschichte von einer anderen Kollegin. Die hatte ein bestimmtes Seminarangebot, das sich nicht gut verkaufte. Sie überlegte, es ganz aus ihrem Portfolio zu streichen, verdreifachte aber erst mal aus Spaß die Preise. Und siehe da, seitdem läuft es.

Das ist doch ermutigend – oder?

Abendstimmung in ÇıralıIch ging weiter zum Strand und am ersten Lokal wurde ich auch gleich wieder reingerufen. Ob ich was trinken oder essen wollte. Nein, ich schwatzte nur so etwas mit Cemil und drehte noch eine Runde am Strand. Beim letzten Lokal mit Deryas Bungalows setzte ich mich noch ein wenig ans Feuer und quatschte mit Derya. Es war seine Idee, dass ein großer Parkplatz gebaut wird (leider neben meinem Hote!!), damit die Autos nicht mehr am Strand parken. Das ist grundsätzlich nicht schön, wenn da dauernd Autos langfahren und parken, mit ihren Lichtern irritieren sie zudem die Schildkröten, die hier in bestimmten Monaten ausschlüpfen.
Ich fragte ihn noch über den neuen Bürgermeister aus, der mich vor Jahren noch als Fahrer vom Flughafen ins Hotel gefahren hatte. Keine schlechte Karriere. Und er scheint engagiert zu sein, was die Bewahrung des Naturschutzes hier angeht.

Noch eine letzte Runde durchs Dorf und ab ins Hotel.

Was ist nun daran magisch?

Wie sich alles so von selbst entwickelt. Wie ich es in einem Tag schaffe, aus meiner streng getakteten Planerei und Programmen auszusteigen und sich Dinge entwickeln lasse. Spontane Angebote annehme, mich nicht getrieben fühle, dies oder das dann und dann zu machen.

Sie denken vielleicht, naja, woanders und im Urlaub ist das ja leicht. Aber ich habe schon immer viel Urlaub gemacht und war schon in vielen Ländern. Doch so eine schnelle und radikale Veränderung meines Lebensrhythmus habe ich sonst noch nie erlebt.
Und diese vielen schönen Kontakte und Begegnungen. So gehäuft wie in Çıralı habe ich das sonst auch nie erlebt.

Ob plötzlich eine buddhistische  Nonne aus Deutschland bei mir am Frühstückstisch sitzt oder ich zwei sehr nette türkische Maler kennenlernen (die dann mein Traumhaus kaufen- aber das ist eine eigene Geschichte) oder ich auch öfter Leute treffe, die ich aus Seminaren oder sonstwoher kenne.

Rundherum ist die schönste Natur. Nur wenige Meter bis zum Meer, in der Nähe Berge und Wälder. Man kann wandern, Bootstouren oder andere Ausflüge machen, aber auch komplett seine Ruhe haben. Ganz wie man möchte.

Jetzt werde ich noch ein wenig in meinem Roman lesen und dann mal früher ins Bett gehen, damit ich morgen nicht wieder „verschlafe“ und früher zum Yoga gehe. Den Sonnenaufgang werde ich zwar sicher nicht sehen, der ist um die Jahreszeit einfach zu früh und dann ist es auch noch zu kalt. Das gelingt mir nur im Herbst.

Iyi geceler! Gute Nacht!

Das Leben ist voller Widersprüche

Einige Gedanken über das Leben

Angekommen im Paradies!
Klatschmohn
So lauteten meine ersten Posts bei Twitter und Facebook nachdem ich in Çıralı angekommen bin. Und Fotos vom zauberhaften Garten mit Rosen und Palmen und vom menschenleeren Strand.
Viele wünschten mir gute Erholung, eine Kollegin stellte einen Link ein zu Sicherheitsinformationen des Auswärtigen Amts über die Türkei.

Strand von Çıralı

Heute morgen beim ersten Yoga am Strand (auch hier war ich vollkommen alleine) kamen mir die Gedanken: Das Leben ist immer voller Widersprüche.
Wie dieser blühende Klatschmohn auf eine Schutthalde.
Nie ist etwas nur schwarz oder weiß.
Und kurz darauf: Und das ist das Leben!

Passend dazu fällt mir noch ein NLP-Zitat ein: „Es gibt immer mindestens eine dritte Möglichkeit.“ Auch dieser Spruch hat mir schon oft aus der entweder-oder Falle geholfen.

Natürlich sind die politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse in der Türkei erschreckend und beunruhigend. (Das waren sie in meinen Augen schon all die Jahre: undemokratisch, autoritätshörig, unbequeme Journalisten und Künstler im Gefängnis…). Trotzdem fahre ich hin. Ich würde im Moment nicht an der syrischen Grenze Urlaub mache und nicht unbedingt nach Istanbul oder Ankara fahren. Olympos Yaviz HotelSowieso fahre ich nie in Zentren von Massentourismus und Bettenburgen. Obwohl auch da die Wahrscheinlichkeit, dass gerade da eine Bombe hochgeht, immer noch unwahrscheinlicher ist, dass ich vom Auto überfahren werde oder von einer Leiter falle (wie eine andere Leserin schrieb).
Ich bin in einem kleinen Dorf am Meer. Hier fühle ich mich genau so sicher wie in meinem noch kleineren Dorf zu Hause in der Nähe von Köln. Und ich Köln kann auch eine Bombe hochgehen…

1. Beispiel

Ich besuche nicht ein politisches System, sondern ganz konkrete Menschen, die ich im Laufe der Jahre kennengelernt habe und sehr mag. Teilweise Freunde, teilweise „Geschäftspartner“ (ich führe hier ja auch Coachings und Seminare durch), teilweise „Dienstleister“. Wobei sich das hier alles immer ziemlich vermengt. Klar verdienen einige an mir (was ich völlig in Ordnung finde, ich nehme für meine Arbeit auch Geld), trotzdem und zusätzlich mögen wir uns und freuen uns, wenn wir uns sehen. Das geht mir zu Hause mit vielen Teilnehmern ja auch so. Ich bin  mit vielen Kollegen und Teilnehmern befreundet.

2. Beispiel

Hier hat die Saison noch nicht begonnen. Sie startet eher im Mai. Ich bin der einzige Gast in dem kleinen Hotel (20 Zimmer). Himmlische Ruhe. Ebenso am Strand, ein fast menschenleeres Paradies.
Doch gleichzeitig wird gebaggert, gehämmert und gesägt. Denn von Mai bis Oktober ist Baustopp, während der Tourismus-Saison. Und nach dem Winter wird jedes Mal alles wieder neu aufgebaut: Die Sonnenschirme in den Strand getackert, alles aufgehübscht und irgendwas Neues muss ja sein. (Obwohl wir Touristen jedes Mal jaulen. NEIN, das war doch vorher viel schöner!!  Das kapiert der Türke aber nicht :-))

3. Beispiel

„Flüchtlingskrise“.
Sie führt auf der einen Seite dazu, dass es eine AfD gibt und erschreckend viele Menschen eine solche Partei wählen, was mich fassungslos macht.
Gleichzeitig nehme ich auch wahr, wie viele Menschen sich für Flüchtlinge einsetzen und helfen. Tatkräftig und ausdauernd. In meinem Wohnort Lohmar gibt es eine sehr engagierte Flüchtlingshilfe, die Unglaubliches auf die Beine stellt und sehr viele Helfer hat. Und das sind nicht meine „politisch bewussten und engagierten“ Freunde – die haben alle „keine Zeit“ -, sondern ganz normale Menschen, die einfach anpacken. Damit hatte ich nicht gerechnet und es freut mich.

Ich glaube nach wie vor, es ist unsere Entscheidung, worauf wir unseren Fokus richten. Um bei dem simpelsten Beispiel zu bleiben. Ich kenne das, wenn ich völlig in etwas vertieft bin, nehme ich gar nicht wahr, dass der Nachbar seit Stunden Rasen mäht. Das kann ich dann vollkommen ausblenden.

So genieße ich mein Paradies, mit allen Widersprüchen im außen und in mir.

Rosen im Garten vom Olympos Yavuz Hotel

Holprige Ankunft im Paradies

2015-04-15 07.09.00Die An- und Abreise könnte man meinetwegen streichen. Beamen oder Schnipsen wäre mir deutlich lieber. Die Flugzeiten sind immer grauslich. Diesmal führte es zu einer Nacht komplett ohne Schlaf, und aus dem Alter bin ich leider raus, wo ich das mit links wegstecke.

Um 1 Uhr in der Nacht kam das Taxi. Die Hoffnung, vorher wenigstens noch 2-3 Stunden schlafen zu können, war trügerisch. Erstens dauerte ein spannender Film bis kurz vor 23 Uhr, anschließend sprang ich alle 10 Minuten von der Couch, weil mir noch was einfiel oder ich nervös aufs Klo musste.

Am Flughafen checkte ich wohl als erste ein, keine lange Warteschlange vor mir und gottlob eine gutgelaunte Mitarbeiterin am Check in. Denn obwohl mein Koffer zu Hause noch 20,30 Kilo wog, wog er nun deutlich über 21 Kilo. Doch sie drückte ein Auge zu. Früher durfte man ab 4 Wochen 10 Kilo mehr mitnehmen, das wurde irgendwann mal rigoros gestrichen. Und ich fliege für 6 Wochen…

Nun denn, erste Hürde also geschafft.
Nächste: das Durchleuchtungsprogramm. Nicht nur musste ich wie immer mein Laptop auspacken, nein, er wollte auch all den anderen Kram aus dem Laptop-Rucksack sehen. Und fragte mich dann fassungslos, was ich denn mit all dem Elektronik-Kram wolle. Ich packe immer alles Kabelzeugs und Festplatten etc. in den Rucksack, weil man den zusätzlich zum Handgepäck mitnehmen darf.
Ich sagte, dass ich Bücher schreibe und Online-Seminare mache. Ja, wo denn?
Und so entspann sich ein nettes Gespräch und zum Schluss musste ich ihm meinen Urlausort aufschreiben, von dem ich so schwärmte. Er war nämlich Türke.

Im Flugzeug hätte ich zum ersten Mal im Leben wirklich einschlafen können. Ich war so müde, dass ich merkte, wie mein Kopf nach unten schnuckte. Aber neben mir auf der anderen Seite des Ganges saß ein Mann, der sich permanent mit einem Mann vor ihm und vor mir unterhielt, mit der lautesten Stimme. Jeder Furz-Gedanke, der ihm durch den Kopf schoß, wurde lautstark geäußert. Ich hätte ihn erwürgen mögen.

Flughafen AntalyaIn Antalya dann angekommen, kam mein Koffer fast als letzter, ich war schon wieder kurz vorm Herzinfarkt. Schließlich kam er, es fehlte lediglich einer der beiden Koffergurte. Das würde ich verschmerzen.

Da ich mich ja inzwischen seit meinem Mut-Muskel-Training auskenne, besorgte ich mir eine Karre für mein ganzes Bleigepäck. Denn neben Koffer und Laptoprucksack hatte ich eine Handgepäck-Tasche voller Bücher und Papier für die Seminare und meine Arbeit, die ich nach den zwei Wochen Urlaub dort anfangen. Und inzwischen noch eine vierte Tasche mit all den Klamotten, die ich am Flughafen erst mal vom Leibe riss, weil die Temperaturen doch deutlich höher sind als bei uns.

Also alles auf dem Kofferwagen und ab nach rechts zur Bushaltestelle für die Fahrt zum Busbahnhof. Ich wusste, dass es ziemlich weit zum Schleppen war. Doch nun? Zack, stand ich kurz drauf vor einem Zaun. Verdammt, ich war in einem anderen Terminal gelandet. Ich fragte eine Security-Dame und sie zeigte in eine Richtung. Diesmal war die Haltestelle also ganz nah. Wann der  Bus denn käme, wusste niemand. Aber nach 15 Minuten kam er und ich erwischte einen guten Platz, vor dem genug Platz war für Koffer und Taschen.

Die nächste Station war dann der andere Terminal und der Bus wurde voll. Alle knallten ihre Koffer vor mich, zum Teil aufrecht auf Rollen stehend – und bei der nächsten Kurve rollte die ganze Chause Richtung Tür. Mir egal.

Am Busbahnhof wusste ich auch, wo es weitergeht. Also mit dem ganzen Geraffel dorthin gezerrt und an den Schalter. Nein, diesmal gibt’s die Tickets im Bus. Auch Recht. Ein Mann (der Fahrer) schnappte sich meinen Koffer und packte ihn in den Bus. Ich mit meinem Püngel hinterher und ein  Einzelplatz an der Tür. Zwar mit einem Vorsprung rechts für die Tür und etwas eng, aber besser mit Sicht als auf die Vorlehne zu starren, dann wird mir schlecht.

Die Fahrt mit dem Dolmuş glich einer Schneckenfahrt. Die ersten Kilometer fuhr er höchstens 30 und hielt und hupte an jedem Baum, in der Hoffnung, es kämen noch weitere Fahrgäste hinzu.

Nachdem wir dann eine Stunde durch Antalya und weiter geschlichen waren, bretterte er die letzte halbe Stunde plötzlich los, so dass ich mich festhalten musste. Trotz neugebauter Straße hatte ich den Eindruck, es gibt mehr Kurven. In der Zeit entspann sich auf dem Sitz links neben mir ein Drama. Eine junge Frau hatte ihren Ring verloren. Womöglich den Ehering? Es folgte unsystematisches Suchen auf ihren zwei Sitzen, unter ihrem Sitz, erst auf Nachfrage schauten auch die vor und hinter ihr unter ihre Sitze. Dreimal kramte sie ihre Tasche aus, dazwischen hektische Telefonate übers Handy.

Mitten im Drama fragte dann der Fahrer irgendwas, aber ich verstand immerhin „Çıralı“ und rief: „Evet, Çıralı“ und schnappte meinen Kram. Er holte hinten den Koffer raus und erst jetzt sagte er mir auf Nachfrage, was ich zu zahlen hätte.

Über die große Straße zur Abzweigung nach Çıralı und schon kam mir der Dolmuş- Fahrer freudig entgegen. „Hoş geldin! Herzlich Willkommen!“ und wollte mein Gepäck einladen. Aus den Erfahrungen der letzten zwei #MuMuT-Aktionen wusste ich aber, dass jetzt im Leben nicht so bald andere Fahrgäste kämen und ich entweder stundenlang warten müsste oder quasi Taxi-Geld bezahlen müsste. Nein, danke, schleppte ich mich die Straße einige Anstandsmeter weiter. Er rief mir noch hinterher, dass ich für ein Taxi noch 5 TL mehr zahlen müsste. „Taxi yok!“ rief ich und streckte den Daumen raus, da gerade ein Auto um die Ecke bog.

Und wie immer hielt gleich das erste Auto, zwei Männer, einer stieg aus, packte meinen Kram rein, der andere stellte seinen Koffer von der Rückbank hochkant, so dass ich komfortabel sitzen konnte. Ich war entzückt.

Sie sprachen zwar die ganze Fahrt kein Wort, auch miteinander kaum, und packten mir genauso muffig mein Gepäck wieder aus, als wir im Ort ankamen, aber ich war hocherfreut.

2015-04-16 08.43.54So schob ich also die letzte Strecke, den kleinen Weg zum Hotel entlang. Nach ein paar Metern sah ich das neue Restaurant von Rabia (hatte ich schon über Facebook mitbekommen) und Shaban, ihr Mann winkte mir fröhlich und begrüßte mich. Ich wusste schon vom letzten Mal, dass er mir nicht beim Schleppen helfen würde, aber immerhin hat er wohl Ahmet angerufen, meinen Pensionswirt. Der kam mir dann die letzten Meter entgegen. Herzlich, strahlen, freundlich. Mit neuen kurzen Haaren und einer gesunden Haut, die er gleich stolz präsentierte. Er hatte die letzten Jahre immer heftigere helle Flecken im Gesicht gehabt und im Herbst dann eine merkwürdige (aber wohl vom Arzt empfohlene?) Therapie gemacht. Sich mit irgendwas eingeschmiert und mittags in die Sonne gelegt. Scheint funktioniert zu haben.

FamilieJa, und im Hotelgarten saß dann fast die ganze Familie. Ich bilde mir nun nicht ein, dass sie alle zu meinem Empfang da saßen (ich bin der einzige Gast :-), aber es freute mich trotzdem.
Ahmet und Münevver, meine Pensionswirte, ihre Schwester Rabia und ihre andere Schwester und Mann, dann noch die Brüder Zia und Derya. Also volles Haus. Fast die ganze Familie von Münevver ist über Çıralı verteilt und haben Pensionen, Bungalows oder Restaurant.

Mein ganzer Krempel, den ich immer hier lasse, stand schon im Zimmer, ebenso mein Tisch auf dem Balkon. Ganz vorzüglicher Service.
Und zur Begrüßung bekam ich dann frisch gepressten Orangensaft und selbstgebackene Kekse. Mmmm. Ohne Frühstück hätte ich zwar lieber erst mal was Herzhaftes gegessen, aber mir war klar, dass ich das nicht ablehnen konnte. Und es schmeckte ja auch köstlich.

Und bevor ich irgendwas auspackte und räumte, legte ich mich erst mal in die Hängematte nach dieser schlaflosen Nacht.

Hängematte